Gabriele Mielke

Kindheitsorte

Eine Zieglerkindheit an der Havel

Biografie

Von Menschen und Landschaften

Berlin – Oranienburg, Luftlinie fünfunddreißig Kilometer. Dann weiter nordöstlich Richtung Zehdenick, insgesamt nicht mehr als eine Autostunde von Berlin entfernt: Das ehemalige Ziegeleirevier an der Havel liegt nördlich von Berlin und ist beliebtes Ausflugsziel. Die schöne, verwunschene Stichlandschaft gibt den Blick frei auf alte Zieglersaisonhäuser, Ruinen der Ringöfen und manchmal sogar auf einen der letzten hochragenden Schornsteine. Auf dem Zieglerpfad zwischen Zehdenick und Marienthal lässt sich nach den Spuren der traditionsreichen Ziegelherstellung suchen. Hier schufteten Hunderte von Menschen rund um Mildenberg auf den Ziegeleien Brandenburg, Stackebrandt, Moegelin und wie sie alle hießen. Diese Menschen leisteten Schwerstarbeit, oft im Akkord, Männer wie Frauen. Und auch Kinder haben schon mal die Steine gewendet wie Ursula. Ursula Lenz, ein Zieglerkind. Geboren 1930 und aufgewachsen in dieser Region.

Die Autorin sucht mit ihrer Mutter deren Heimat wiederholte Male auf. Die Kindheitsorte von Ursula Lenz. Biografische Spurensuche. Beide sehen das Zieglersaisonhaus, in dem Ursula geboren wurde und aufwuchs. Die Ziegelei Brandenburg, wo der Vater, die Mutter, die Tante und der Onkel gearbeitet haben. Sie finden den schmalen Pfad seitlich des Havel-Wentow-Kanals, den Ursula als Kind zur Schule in Marienthal ging. Sie werfen einen Blick in die Gaststätten, wo sie als junges Mädchen am Wochenende gerne tanzte. Und sie stehen vor einem stattlichen Haus in Ribbeck, wo Ursula nach Beendigung der Schule drei Jahre beim Bauern in Stellung war und ihre jugendliche Kraft zum Einsatz brachte. Eine Kindheit und Jugend in den dreißiger und vierziger Jahren des letzten Jahrhunderts. In einer Region, die mit Ziegelindustrie und Schifffahrt Geschichte machte.

Man kann so schön erzählen, wenn man mit dem Auto umherfährt, heißt es an einer Stelle dieses Erinnerungsbuchs. Erzählt wird authentisch durch Wiedergabe der direkten Rede von Ursula Lenz. Wirklichkeitsnah geben die Schilderungen ein eindringliches Bild von den Mühen alltäglichen Lebens vor, während und nach dem Zweiten Weltkrieg.

Kindheitsorte. Heimat. Fern und doch unvergessen. Kindheit ist Anfang und Aufbruch. Letzteres in besonderer Weise auch für Ursula. Sie begann sich wegzuwünschen aus den beengten Verhältnissen, weg vom Land. Ihre Vision, ihr Ziel: Die Stadt. Der Aufbruch gelang und damit nahm Ursulas Weg die gleiche Richtung wie die abertausend Ziegel, die auf den großen Lastkähnen nach Berlin transportiert wurden.

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