Auf der Schaackschen Halbinsel

Die junge Ursula ergriff ihre neuen Pflichten. Das erste Mal in ihrem Leben rückten die Familienbande etwas mehr in den Hintergrund. Mit ihrem Schulabschluss war sie zufrieden. Flink und umsichtig, wie es ihrem Naturell entsprach, wandte sie sich den anstehenden Aufgaben zu. Und träumte von einem Beruf, den sie hoffte, alsbald erlernen zu können.

Der Traum vom Kahn. Wann, wenn nicht in der Kinder- und Jugendzeit, bereitet sich der Boden für Träume? Wenn Kind Ursula längs der Havel, früher zur Schule, jetzt als junges Mädchen zur Arbeit ging, begegneten ihr die großen Lastkähne auf der Havel. Auf dem Kanal. Bei der Schleuse. Wieder und wieder. Ob sie zum Blaubeerpflücken in den Wald lief oder bei ihren Eltern auf der Ziegelei half. Die Lastkähne waren mit Kind Ursulas Heimat eng verbunden. Obenauf trugen die Kähne kleine Häuschen. Mit Gardinen an den Fenstern. Innen eingerichtet mit allem, was man zum Leben braucht. Wie Puppenstuben haben diese vielleicht auf ein Kind gewirkt. Jedenfalls haftete ihnen etwas Besonderes an. Sie wirkten anders als das eigene Zuhause. “Das fand ich schon immer sehr schön. Natürlich so’n einfachen Holzkahn nicht. Die waren ja primitiv. Aber die besseren, die eisernen Kähne, wo die Wohnräume schon höher waren, die gefielen mir.”

Ziegel für Berlin und andernorts. Ziegel, Ziegel, Ziegel. Zehn mit Ziegeln beladene Lastkähne brauchte man für ein Berliner Mietshaus. Vollbeladen schoben sich die Kähne langsam, behäbig und dennoch erhaben über die Wasserwege. Zumindest nach Berlin. Oder entfernten Zielen entgegen. Hinaus in die weite Welt. Ja – hinaus, das wollte sie auch. Die Enge ihrer Herkunft verlassen. Eines Tages.

Ursulas Eltern waren seit Anfang der dreißiger Jahre mit einer Schifferfamilie befreundet. Die Bekanntschaft entstand bei Schaacks. In der Gaststätte. Der Mann hatte ursprünglich auf der benachbarten Ziegelei Moegelin gearbeitet. “Wo die herkamen, weiß ich nicht. Jedenfalls hat er sich dann einen Kahn gekauft. So ’n Holzkahn. Die waren damals nicht so teuer.” Der Steinetransport für die Ziegeleien florierte. “Verbindungen hatte er ja. Die haben nicht schlecht verdient. Die Schiffer.” Später konnte er sich schon einen besseren Kahn kaufen. Auch eine zusätzliche Wohnung in Marienthal, später in Zehdenick, konnte er sich leisten. “Ist im Krieg auch noch gefahren. Und nach 1945 auch wieder. Es gab Schiffer, die die ganze Zeit im Osten gefahren sind.”

Als Kind Ursula zehn oder zwölf Jahre alt war, bekam sie von der befreundeten Schifferfamilie das Angebot, in den Ferien mal mitzufahren. Wie kamen die drauf? “Das war schon mein Wunsch. Aber meine Mutter hat es nicht erlaubt. Ich weiß nicht, aus welchem Grund.” Eine gewisse Idee beflügelte Ursula seither: Einen Schiffer heiraten.

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